Geschichte

Meine erste Bekanntschaft mit dem Phänomen Fußball

Juli 1945. Nach überstandenen Bombenangriffen auf die Steyr-Werke und vielen Nächten im Schutzkeller war endlich Schluss mit dem Krieg. In meinem Geburtsort Sierning bei Steyr wollten sich die letzten standhaften Nazis gemeinsam mit einem fanatischen Offizier und ein paar Soldaten Ende April noch gegen die einmarschierenden amerikanischen Truppen verteidigen. Schüsse fielen, Panzer rollten an, der Spuck war schnell wieder vorbei. Die SS-Baracke hinter unserem Haus wurde aufgelöst, die SS-Soldaten flüchteten und rundherum herrschte das Chaos. Fast täglich klopften heimkehrende Soldaten an unsere Tür und baten um kurze Unterkunft auf dem Weg zu ihrem Zuhause. Zuvor hatte ich noch erlebt, wie eine  größere Anzahl von Menschen unseren Weg zum Kindergarten kreuzten und deutsche Soldaten uns davon abhielten, weiter zu gehen. Später erfuhr ich, dass es Juden und andere Gefangene waren, die auf dem Marsch von Steyr (Steyr-Werke) bzw. Mauthausen ins Todeslager Ebensee unterwegs waren. Sechs Juden wurden noch in den letzten Tagen von Sierninger Nazis verraten und sofort hingerichtet. Einer derjenigen, der sie verraten hatte (es war der Großvater eines Freundes von mir) erhängte sich anschließend im uns gegenüberliegenden Haus. Dann stürmten amerikanische Soldaten unser Haus, liefen mit aufgepflanzten Bajonetten bis in den Dachboden hinauf und erklärten anschließend unser Haus, welches günstig in der Kurve einer aufsteigenden Straße lag, zu ihrem Hauptquartier. Wir sollten uns gefälligst eine andere Unterkunft suchen. Mein holländischer Onkel, der bei uns wohnte, rettete uns. Da er sehr gut englisch sprach und daher auch gleich zum Dolmetscher avancierte, konnte er die Amis davon überzeugen, dass das gegenüberliegende Haus wohl besser für sie geeignet wäre.

Die vom Krieg zermürbte Bevölkerung der Gemeinde mit 10.000 Einwohnern durfte sich schließlich nach wochenlangen Ausgangssperren und Versammlungsverboten zum ersten Mal nach  Kriegsende im Juli wieder öffentlich treffen. Die amerikanische Besatzung hatte sich vom provisorischen Bürgermeister überzeugen lassen, dass man ein Fußballspiel wohl ohne Gefahr von Anschlägen veranstalten könne und dass man damit nicht zuletzt auch die Leute davon überzeugen würde, dass man eine friedliche Zusammenarbeit mit ihnen anstrebe.

Gefühlt die Hälfte der Bevölkerung wanderte an jenem Sonntag auf den „Alten Sportplatz“ (Ein neuer wurde dann noch in den Fünfzigerjahren außerhalb Siernings gebaut). Der Platz mit einer geschätzten Abmessung von 80 x 55 Metern lag neben dem Bahnhof, wo sich auch viele amerikanische Soldaten angesiedelt hatten. Diese hatten mich und meinen Cousin noch zwei Wochen davor genervt verjagt, als wir uns ihnen mit dem inzwischen einstudierten Schmäh „Blies Ami gif mi ä Tschokled“ näherten. 

Natürlich war diese Sportveranstaltung eine Chance auch für uns Buben, sich in größerer Menge zu treffen. Sitzplätze gab es nicht. Die Leute standen rundherum dicht gedrängt auf den Hügeln des ausgegrabenen Fußballplatzes und feuerten die Heimmannschaft an. Sie spielte gegen einen Gegner aus Steyr. Angeblich war es der später wieder aufgelöste Verein FC Steyr, der eine Vereinigung zwischen Vorwärts Steyr und Amateure Steyr darstellte und nur zu Nazizeiten existierte. Mir war es egal. Ich hatte keine Ahnung was dieses Spiel bedeutete. Da liefen  Männer in Blau-Weiß gegen andere in Weiß-Schwarz gekleideten Dressen am Feld herum und wollten einen Ball ins Tor schießen. Mehr wusste ich nicht. Doch was mich sofort begeisterte war der Lärm und die Aufregung rund um das Spiel. Einige meiner Freunde hatten die leeren Benzinkanister nahe den Gleisen der aufgelassenen Bahnstrecke Richtung Bad Hall entdeckt und trommelten mit Stöcken oder Ästen darauf herum. Das regte mich sofort an, auch mitzumachen. Zumindest solange, bis uns die Amis wieder vertrieben. Aber ich hatte Lunte gerochen und als das nächste Spiel anstand freute ich mich schon darauf. Doch das Trommeln verlor bald seinen Reiz und auch das „Räuber und Gendarm“ spielen wurde bald fad. Also widmete ich mich dem Spiel und versuchte durch viele löchernde Fragen an die herumstehenden größeren Burschen herauszufinden, welche Regel das Spiel hatte und worum es ging. Und dann war es da, das Feuer! Ich begann mit der Heimmannschaft mitzufiebern, die inzwischen gegen andere Gegner spielte und als alle beim Tor aufsprangen, war ich schon mit dabei. Der Fußball hatte mich erobert, begann mich zu umgarnen, mich zu begeistern, nahm mich gefangen und machte mich für mein Leben lang unheilbar süchtig.

Mit meinen Freunden versuchten wir dann selbst zu spielen und als Spielgerät diente alles, was nicht befestigt war. Zumindest so lange, bis mir mein Vater (er war Schneider) einen Stoffball zusammennähte, mit dem wir zumindest ein paar Wochen lang spielen konnten, bis er sich wieder in Fetzen auflöste. Aber es gab immer wieder Nachschub, auch von anderen Familien. Und so wurde fast jede freie Minute dazu verwendet, Fußball zu spielen. Auf der Straße, wo noch kaum Autos fuhren, sondern nur Pferdefuhrwerke unterwegs waren, konnten wir genauso spielen wie in jedem Hof oder auf jeder Wiese, egal wie hoch das Gras war. So lernte man früh das Dribbeln und den Zweikampf, denn nichts anderes war es dann auch, wenn sich viele Buben um einen Ball rauften. Und dass wir barfuß oder höchstens mit Turnschuhen spielten, war auch klar. Schuhe gab es nur für den Sonntag und Fußballschuhe nur für wirkliche Fußballspieler.

Mein erster Kontakt mit der Austria

Ich war gerade 9 Jahre alt geworden, als Vorwärts Steyr zu den Vereinen dazu gelost wurde, die die erste österreichische Fußball-Meisterschaft in Form der Staatsliga A im Spieljahr 1949/1950 gründeten. Und eines der ersten Spiele war gegen Rapid Wien. 10.000 Zuschauer (damals schätze man die Zuschaueranzahl noch) fanden sich auf dem Vorwärts-Platz ein und sahen ein unglaubliches Spiel. 3:2 hatte Vorwärts die Grünen wieder nach Hause geschickt und die Begeisterung schwappte förmlich über. Kein Wunder, hatte doch Rapid zur Pause noch 2:0 geführt und ging dann sensationell 3:2 unter. Das Spiel war wochenlang Gesprächsstoff Nummer Eins in Steyr und Umgebung, auch wenn man die Vereine wie Rapid, Austria Wien, Sportklub, Vienna, Wacker Wien, Sturm Graz usw. nur aus dem Radio oder aus den Zeitungen kannte.

Ein paar Wochen später kam die Austria aus Wien nach Steyr. Wieder erwarteten die Vorwärtsanhänger eine Sensation und so strömten noch mehr Zuschauer ins Vorwärts-Stadion als gegen Rapid. Dicht an dicht gedrängt standen sie rund um den Platz. Einige Fans  fanden nur noch Platz auf den Bäumen, die den Vorwärts-Platz umsäumten.  12.000 Zuschauer, so schrieb man in den Zeitungen, waren es, die die Violetten verlieren sehen wollten. Wobei unter den Zusehern sicher nicht alle Anhänger der Rot-Weißen waren. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren konnte man das Verhältnis zwischen Anhängern von Rapid und Austria in OÖ auf etwa 60:40 schätzen. Die Austria hatte sich besonders durch ihre Erfolge im Mitropacup und wohl auch durch Sindelar ein Ansehen errungen, welches immer noch nachwirkte. Auch der amerikanisch dominierte Radio-Sender „Rot-Weiß-Rot“ oder die „Oberösterreichischen Nachrichten“ standen dem ehemals von Juden gegründeten Verein näher als dem den Nazis eher genehmen Verein Rapid. Dementsprechend positiv waren die Berichte über das „Scheiberlspiel“ und über den „schönen“ Fußball der Violetten. Auch die Huldigungen der Fußballkünstler Ernst Ocwirk, Ernst Melchior, Stojaspal, Huber usw. entgingen mir nicht, las ich doch schon damals fleißig die Sportberichte in der Montagzeitung.

Das Spiel Vorwärts Steyr gegen Austria Wien endete 0:6. „Und da hatten die Steyrer noch Glück“ erzählte mir ein älterer Freund, der beim Spiel live dabei war, „der Ocwirk schoss aus dreißig Metern auf das Tor und als der Ball noch in der Luft war, pfiff der Schiedsrichter ab. Es wäre das 7:0 gewesen!“. Na servas, dachte ich mir, die Austria muss aber gut sein. Und in mir tauchte so etwas wie Respekt und Anerkennung gegenüber der Austria auf und machte mich noch neugieriger darauf, sie endlich einmal zu sehen. Doch das sollte noch ein wenig dauern.

Mein erstes Spiel in der Staatsliga

Im Frühjahr 1950 spielte die Admira in Steyr. Ein Bekannter machte meinen Eltern den Vorschlag, mich zusammen mit seiner Freundin mit seinem Puch-Motorrad zum Spiel nach Steyr mitzunehmen. Eingeklemmt zwischen Sitz und Beifahrersitz ratterten wir auf Schotter-Straßen nach Steyr. Kalt und leicht regnerisch war es an diesem Sonntag, der Wind sauste mir um die Ohren und ich hoffte, dass wir das Ziel bald erreichen würden. Während des Spiels standen wir hinter dem Tor auf der Ost und was wir sahen, war eine 1:3 Niederlage der Steyrer. Ein gewisser Karl Kowanz, so konnte ich es später nachlesen, schoss aus gefühlt vierzig Metern so dermaßen scharf auf das Tor hinter dem wir standen, dass ich mich ungewollt ducken musste. Zwei Tore schoss er an diesem Tag, was für einen Verteidiger durchaus beachtlich war. Doch das war sicher nicht der Grund, warum der  Nationalverteidiger im Sommer darauf zur Austria wechselte. Er war ganz einfach ein guter Spieler. 

Im gleichen Jahr wechselte auch ich mein Domizil. Ich kam zu den St. Florianer Sängerknaben und wurde dort schnell integriert, da sich im Konvikt auch viele am Fußball interessierte Buben befanden. Obwohl wir durch den Musikunterricht voll in Anspruch genommen waren und nur am Sonntag Nachmittag frei hatten, fanden wir zwischendurch immer wieder Zeit, im Hof des Klosters auf einen Ball, meist aus Gummi, zu hauen. Sonntags allerdings durften wir auf dem Platz hinter dem Kloster spielen und rasch wurde ich zum „Ossi“ gekürt. Das bedeutete damals nicht Ostdeutscher, sondern Ossi Ocwirk, denn er war mein Vorbild und zudem war ich Mittelfeldspieler. Sonntags schlichen wir uns nachmittags manchmal heimlich zum Portier, denn der hatte ein Radio und wir konnten „Sport und Musik“ hören. Eines Tages fragte mich mein bester Freund: „Welcher Anhänger bist du?“ „Vorwärts“, sagte ich ohne zögern. „Nein, ich meine einen ‘gscheiten’ Verein“, antwortete er. „Was bist denn du für ein Anhänger?“, fragte ich. „Austrianer“ sagte er. „Ja, genau, die Austria gefällt mir auch!“, war meine Replik. Man schrieb das Jahr 1951 und von da an war es öffentlich, ich war ein Austrianer!

Mit dem wenigen Taschengeld kauften wir uns manchmal die Sportzeitungen „Sport und Toto“ oder den „Sportfunk“. Dort, wie auch aus anderen Zeitungen oder Zeitschriften, schnitten wir uns die Bilder von Fußballern bzw. Spielberichte aus, klebten sie mühsam in ein Heft und waren stolz auf unsere Errungenschaften. Manchmal gab es ein Bild zum Ausschneiden, welches man für ein Autogramm einsenden konnte. Ich schickte (soweit ich mich erinnere) der Austria u.a. den „Ossi“ Ocwirk, Stojaspal, Dr. Schleger, aber auch Rapid wegen Hanappi und Zeman Bilder zu und bekam dann – nicht immer! – die Bilder mit einem Autogramm versehen wieder zurück. Wer die dicksten Hefte hatte, war der König. Leider kam mir mein Heft später abhanden, weil ich es dummerweise verliehen hatte. Dass der, dem ich es lieh, ein Grüner war, machte den Schmerz noch größer. Ich sollte ihn und mein Heft nie wieder sehen.

 

Teil 2 folgt in einigen Tagen, erzählt von meinem ersten Spiel mit Heli Köglberger und enthält eine ganze Reihe an fußballerischen Anekdoten aus den 1950er-Jahren.

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