Mein erster Ball und mein erstes Spiel mit Heli Köglberger

Wegen Stimmbruch wieder zurück in Sierning, bekam ich einen, von einem Sattler  genähten, Lederball. In diesem musste man eine „Seele“ stecken (Saublase), die dann aufgeblasen und zugebunden wurde. Dann verschnürte man den Ball, ähnlich wie einen Schuh, und die übriggebliebenen Reste der Bänder schob man dann hinein. Ein mühsamer Prozess, verbunden mit der Hoffnung, dass der Zustand lange erhalten bliebe. Bei nassem Wetter wurde der Ball immer schwerer und vor allem für uns Buben war er dann schon sehr schwierig zu bespielen. Kopfbälle vermied man tunlichst, sie hinterließen auf der Stirn deutliche Abdrücke und waren schmerzhaft. Mit diesem Ball war ich als Spieler dann sehr begehrt und durfte – öfter als sonst – mit den „Großen“ bei der „Katholischen Jugend Sierning“ Meisterschaft spielen. Dort waren auch zwei angehende Lehrer tätig, die nicht nur die Führung innehatten, sondern sich auch um bedürftige oder ausgeschlossene Kinder kümmerten. So geschah es, dass eines Tages bei einem lockeren Training der kleine „schwarze“ Heli Köglberger auftauchte. Er war zwar um sechs Jahre jünger als ich und die meisten von uns, aber er durfte mitspielen, weil er einfach so lieb und zudem ein kleiner Dribbelkünstler war. Heli wuchs bei seiner Großmutter auf, seine Mutter war in Linz beschäftigt, mehr wusste man nicht. Sehr bald konnte man erkennen, dass er ein riesiges Talent besaß. Wann immer es möglich war, wollte ich, dass er in „meiner Mannschaft“ mitspielte, wenn wir am Alten Sportplatz den Ball laufen ließen. Und das war oft, eigentlich fast jeden Tag, wobei wir selten vor Sonnenuntergang mit dem Fußballspielen aufhörten.

 WM 1954 in der Schweiz

 Österreich – Schweiz war angesagt. Wir saßen mit wachsender Spannung im Jugendheim oberhalb des Fußballplatzes vor dem Radio und hörten uns die Übertragung an. Nach dem 3:0 für die Schweiz liefen wir, bis auf Einen, wieder hinunter zum Platz und spielten weiter mit Vier gegen Vier auf ein Tor. Dann kam der Ruf aus dem Heim: 3:1! O.k., wir spielten weiter. 3:2! Sofort ließen wir alles stehen, liefen hinauf und hörten, kaum angekommen, den Ausgleich. Heribert Meisl war es – wenn ich nicht irre – dessen Stimme sich überschlug, als Österreich durch Ocwirk mit 4:3 in Führung ging. 5:3, 5:4, 6:4, 6:5, 7:5! Ein irres Spiel, drei Tore durch Turl Wagner von Wacker Wien, zwei durch den Rapidler Körner und dann je eines durch Ocwirk und Probst machten es möglich, dass wir ins Halbfinale kamen. Und das Unglaubliche daran, Tormann Schmied von der Vienna bekam bei Temperaturen von über 35° einen Sonnenstich und musste weiter spielen, da es damals noch keinen Spielerwechsel gab. Hinter seinem Tor stand dann ein Betreuer und sagte ihm jeweils an, wo sich der Ball gerade befand und coachte ihn, nachdem er ihm zwischendurch Trinkwasser reichte. So fand ein sagenhaftes Spiel sein glückliches Ende. Im Halbfinale gingen wir gegen Deutschland mit 6:1 sang und klanglos unter, was nicht nur schmerzlich war, sondern auch zu Schieber-Gerüchten führte. Das war natürlich Unsinn! Die Österreicher kamen nur mit der Taktik der Deutschen unter Sepp Herberger nicht zurecht. Dass ausgerechnet die Austria noch 1953, also ein Jahr zuvor, den Deutschen Meister Kaiserslautern in Wien mit 9:2 besiegt hatte, war jetzt nur mehr ein kleiner Fleck in der Geschichte der nachbarschaftlichen Auseinandersetzungen. Auf jeden Fall hielten wir Buben (im Gegensatz zu den Erwachsenen!) dann im Finale alle zu den Ungarn, die damals die beste Mannschaft der Welt war. Es half aber nichts. Die Deutschen gewannen zwar etwas glücklich, aber dann doch wegen ihres unermüdlichen Einsatzes verdient mit 3:2. Österreich wiederum bezwang im Halbfinale Uruguay mit 3:1, wobei Ossi Ocwirk nicht nur Kapitän war, sondern auch ein Tor schoss. Doch das war uns nur ein schwacher Trost, hatten wir doch alle heimlich auf ein Finale bei der WM gehofft.

Torhüterwechsel gab es in der Frühzeit des Fußballs übrigens noch nicht, man musste bei Verletzung einen Feldspieler ins Tor stellen. Spielerwechsel gab es erst ab 1967. Von da an konnte ein Spieler ausgewechselt werden und erst ab 1994 durfte man zwei Spieler + Tormann bzw. ab 1995 grundsätzlich drei Spieler einwechseln. Auch Gelbe bzw. Rote Karten wurden erst ab 1970 eingeführt. Bis dahin gab es – oft gnadenlose – Ausschlüsse, sodass manches Spiel, wie ich es selbst auch erlebte, mit nur 8 Mann zu Ende ging.

Mein Idol Ossi Ocwirk

 Ossi Ocwirk war nicht nur einer der besten Fußballer seiner Zeit, sondern auch Kapitän der FIFA-Auswahl, die in den Fünfzigerjahren dreimal gegen England spielte, wobei er zweimal als Kapitän fungierte. 1952 wurde er von „France Football“ zum Weltfußballer der Jahres gewählt. Das allein zeigte, wie man ihn im Ausland wertschätzte. Seine präzisen Pässe über 40 Meter, sein unwiderstehliches Kopfballspiel und seinen unermüdlichen Einsatz konnte ich in den Fünfzigern nur in den diversen Wochenschauen wie „Fox tönende Wochenschau“ oder „Austria Wochenschau“ im Kino bewundern und dann noch in der Saison 1961/1962 in Wien. Es war also nicht verwunderlich, dass er von Sampdoria Genua 1956 als Profi engagiert wurde und dort bis 1961 als Spieler und, nach einem Zwischenstopp bei der Austria 1961/62,  auch als Trainer bis 1965 blieb. Die Trainingsmethoden nahm Ossi offensichtlich aus Italien mit. Ein Glas Rotwein beim Essen und aus. Beim Training durfte man nicht trinken, so wurde es erzählt.

Ocwirk war bekannt dafür, dass er nicht nur beim Spielen als offensiver Mittelfeldspieler über seine Grenzen ging. Auch beim Training oder im Trainingslager brachte er eine Härte ins Spiel, die viele Spieler als „unmenschlich“ betrachteten und aufmuckten. Nemec und Fiala waren dabei die Rebellen, wie man später hörte. Kein Wunder, dass dem Horstl Nemec, „dem Bladen“ das Training nicht behagte, schleppte er doch lange Zeit einige Kilos zu viel mit sich herum, wie ich selbst als Bewunderer des Horstls im Stadion immer wieder feststellen konnte. Aber er war halt der Bomber der Nation, ein Garant für Tore und stand daher für mich als Ausnahmestürmer außerhalb jeder Kritik. Nemec holte dreimal die Torjägerkrone für die Austria, 1961, 1962 und 1964, wobei die 31 Tore von 1962 ausgerechnet von Heli Köglberger 1969 eingestellt und erst von Toni Polster Ende der Neunzigerjahre mit 33 bzw. 39 Toren übertroffen wurden.

Heli Köglberger, der Ocwirk ja als Trainer bei Austria Wien hatte, erzählte mir viel später von seinen harten Trainingsmethoden. „Nicht nur dass man beim Training nicht trinken sollte, so ließ er uns immer ordentlich beim Laufen schwitzen. Und auch privat gab es vor dem Spiel klare Vorschriften. Am Tag vor dem Spiel und am Vormittag davor durfte man z.B. nicht Baden gehen. Als ich an einem sehr heißen Samstagnachmittag mit meiner Frau und mit dem Kind zur „Alten Donau“ baden ging und dabei nachher das Schlauchboot im Kofferraum vergaß, war ich dran. Am Sonntag vor dem Spiel musste ich den Kofferraum aufmachen  und schon sah er, dass ich mich nicht an seine Anweisungen gehalten hatte. Er nahm natürlich selbstverständlich an, dass ich schwimmen war. Resultat? Ich durfte an diesem Tag nicht spielen. Ja, so war er der Ossi“, meinte er abschließend. 

Mein ersten Länderspiel: Österreich – Ungarn 1955

Meine erste „Bekanntschaft“ mit Ocwirk fand bereits im Jahr 1955 statt. Das Jahr des Staatsvertrages. Meine Eltern hatten, zusammen mit Freunden, fünf Karten für das Länderspiel Österreich gegen Ungarn ergattert. Also fuhren wir mit dem neuen Auto meines Vaters, einem Ford Taunus de Lux, mühsam auf der Bundesstraße über die Strengberge (Autobahn gab es noch keine) fünf Stunden von Sierning nach Wien und übernachteten in einem Hotel nahe Schönbrunn. Ich konnte kaum Schlaf bekommen, so aufgeregt war ich. Noch keine 16 Jahre alt hatte ich die Gelegenheit, nicht nur die großen Stars der Ungarn wie Puskas, Hidegkuti, Fenyvesi, Kocsis usw. zu sehen, sondern auch endlich meinen Liebling Ocwirk. Nach dem Mittagessen ging es ins Stadion. Wir fuhren mit der Straßenbahn bis in die Nähe der Stadionbrücke und gingen dann zu Fuß mit tausenden anderen Anhängern durch den Prater. Diese dahin eilende Menschenmenge allein verschaffte mir schon ein Prickeln und ich konnte es kaum erwarten ins Stadion zu kommen, doch meine Mutter hatte keine Eile, sie wollte den Prater einatmen und genießen. Nun muss man wissen, dass 1955 das Stadion nur zwei Ränge hatte und bis auf den 1. Rang alles Stehplätze waren. Wir waren zwar fast eine Stunde vor Spielbeginn dort, aber das Gedränge war furchterregend. Schon vor dem Eingang (es gab noch keine Drehtüren) versammelten sich Menschentrauben und als wir uns dann im Sektor B einen Platz suchten, war das Stadion schon ziemlich voll. Ganz oben, die Kastanienbäume hinter uns waren quasi greifbar, standen wir schlussendlich, dicht gedrängt in der letzten Reihe und die Sicht auf das Feld war mehr als eingeschränkt. 65 000 Zuschauer waren zugegen, wie ich später in den Zeitungen lesen konnte. Die Stimmung erwartungsvoll und angespannt. Dann liefen die Mannschaften auf das Feld, Hymnen wurden gespielt und es begann zu tröpfeln. Schirme aufzuspannen war nicht möglich, das führte zu Protesten der Umstehenden. Meine Mutter, die Arme, wurde nicht nur nass wie wir alle, sie sah auch kaum etwas vom Spiel, da ihr die Sicht durch ständiges Drängeln genommen wurde. Auch ich musste mich immer wieder auf die Zehen stellen, um etwas vom Geschehen auf dem Platz mitzubekommen. Das Spiel lief dann nicht so, wie ich es mir erwartet hatte. Fenyvesi brachte die Ungarn früh in Führung, die allerdings der „Friseurmeister“ Probst von Rapid (Profis gab es damals nicht) wenige Minuten danach ausglich. Nach erneuter Führung der Ungarn durch Hidegkuti war es wieder Probst, der noch in der 1. Halbzeit zum Endstand von 2:2 ausglich. Von Ocwirk sah ich in diesem Spiel leider nichts Aufregendes, meine Erwartungen waren wohl zu groß und aufgezuckert durch die Berichte über ihn in den Medien. Aber Hanappi von Rapid gefiel mir. Und sowieso Puskas bei den Ungarn. Insgesamt war die Stimmung zwar gut, aber kein Vergleich mit dem, was man heute von den Rängen bei einem Spiel an Stimmung erlebt. Aber ich war dabei gewesen und beeindruckt, so dass ich noch tagelang davon träumte.

Fußball in Holland und Pele bei der WM 1958

Im November 1957 ging ich nach abgeschlossener Ausbildung als Kleidermacher nach Holland, arbeitete in Den Haag in einem Modesalon und bildete mich in Abendschulen weiter. In Holland lernte ich eine ganz andere Art von Fußballbegeisterung kennen. Zu den Spielen bei „Scheveningen Holland Sport“ (heute mit ADO fusioniert) und ADO Den Haag aber auch zu Feyenoord kamen Massen von Fußballbegeisterten, wie ich es noch nie erlebt hatte. Und man schrie dort nicht nur, sondern man sang auch während des Spiels. So etwas gab es bei uns in Österreich damals noch nicht. Auch das Tempo war hoch und die Spiele hatten durchaus Qualität. Im Fernsehen wurden viele Spiele übertragen, etwas, was ich aus Österreich kaum kannte. So sah ich auch die WM in Schweden im Fernsehen, bei der Österreich zwar 2:2 gegen England spielte, sonst aber nur verlor, obwohl noch einige Größen aus der 54er Mannschaft wie Hanappi, die Gebrüder Körner, Happel, Koller oder Barschandt mit dabei waren. Dafür begeistere mich ein anderer Spieler, der gerade einmal 17 Jahre alt war: Pele! Was der Junge auf den Platz zeigte, war sensationell. Nicht nur dass ihm bei seinen Dribblings keiner stoppen konnte, so war er auch schnell und technisch außergewöhnlich begabt. Sobald er in der Nähe des Tors kam, wusste man, es könnte „klingeln“. Seine scharfen und platzierten Schüsse, aber auch seine Kopfbälle schienen unhaltbar. Aus allen Lagen, so schien es, konnte er ein Tor machen. Es war eine Freude, ihm bei seiner Ballbehandlung zuzusehen. Nur noch ein Maradona oder ein Messi kamen ihm später nahe, meine ich.

Rückkehr nach Österreich und Treffen mit Heli Köglberger

1960 beschloss ich, eine andere Ausbildung zu starten. Ich wollte studieren. Dazu benötigte ich aber eine Matura, die ich dann über den 2. Bildungsweg auch mittels einer Abendschule in der HAK am Hamerlingplatz machte um dann später in der Spengergasse die Meisterprüfung für die Bekleidungsindustrie – den „Master“ wie man heute sagt – zu machen.  Das gab mir dann endlich die Gelegenheit, trotz Arbeit (ich musste mir das Studium selbst finanzieren) endlich die Austria zu sehen. Bevor es so weit war, machte ich noch eine Aufnahmeprüfung in der HAK in Steyr. Und wer saß da plötzlich neben mir? Heli Köglberger! Er wollte die HASCH absolvieren und tat sich mit den Aufgaben für Mathematik schwer, wie ich sofort erkannte. Also hielt ich ihm meinen Zettel so hin, dass er abschreiben konnte. Er bestand die Prüfung genauso wie ich, nur ich ging dann nach Wien und er arbeitete nach Abschluss der Handelsschule in den Steyr-Werken und spielte bei Amateure Steyr, später auch in der B-Liga. Dort konnte ich ihn manchmal dabei zusehen, wenn ich im Sommer zuhause in Sierning war. Und jedes Mal stach er mit seinen Aktionen im Spiel heraus. Ich hatte es auch nicht anders erwartet und sagte es ihm dann auch, wenn wir uns im Kaffeehaus oder bei mir zuhause trafen. Dabei redete ich ihm zu, es doch mit der Austria zu versuchen. Doch das war ihm damals einfach nicht vorstellbar. Offenbar hatte ich ein anderes Verständnis für sein Können als er selbst.

Es war 1963 oder 1964, als ich bei einer General-Versammlung (?) der Austria in Schwechat (ich wohnte damals dort) bei meinem Lieblingswirt „Wetti-Tant“ mit dem Ehrenpräsidenten Michl Schwarz ins Gespräch kam. Dort schilderte ich ihm vom großen Talent eines „Schwarzen“ der bei FK Amateure Steyr spielte. Doch er kannte Heli Köglberger nicht und so geschah es, dass Heli nicht bei meinem Lieblingsverein landete, sondern beim LASK. Leider. Um so mehr freute ich mich, als ich ihn später bei unserer Austria auflaufen sah, wo er noch viele Jahre bei uns spielte. Aber er hatte es im Leben nicht immer leicht. Als ich ihn anlässlich eines Cupspiels (Vorwärts Steyr – Austria Wien 3:2!) in Steyr traf, erzählte er mir von seinem Leiden. Offensichtlich hatte er einen Hirntumor und wurde operiert. Er wirkte gar nicht gesund und tat mir unendlich leid. Doch anscheinend erholte er sich ganz gut, wie ich mich bei einem Treffen anlässlich der Hundertjahre-Feier der Austria überzeugen konnte.

Mein erstes Live-Spiel der Austria

August 1960, ich war jetzt in Wien bzw. Schwechat beheimatet und konnte erstmals meine Austria sehen. WAC – Austria im Prater. Das Spiel fand nicht im Stadion statt (offensichtlich noch im Umbau befindlich), sondern auf dem kleinen WAC-Platz daneben. 10000 Zuschauer drängten sich auf den Hügeln rund um den kleinen Platz und ich sah erwartungsvoll meine Helden einlaufen. Von Stotz, Nemec, Fiala, Dr. Schleger, Hirnschrodt, Paproth usw. hatte ich bisher nur gelesen oder sie im Kino bewundert. Nun war es so weit. Doch so wie der Himmel grau war, so war auch das Spiel. Der WAC ging früh in Führung und ging nach der Halbzeit durch Hruska und Cejka, die beide tolle Tore schossen, sogar mit 3:0 in Führung. Rundherum hörte ich nur schimpfen, denn der weit aus größere Anteil der Zuschauer waren Austrianer. Dass dann Riegler per Elfmeter noch das 3:1 machte, veranlasste nicht nur mich zu keinem Jubel mehr. Ich war bitter enttäuscht und niedergeschlagen. Das sollte die Austria sein? Darauf hatte ich mich jahrelang gefreut? Kein Glanz, kein Scheiberlspiel, kein Aufbäumen. Ich war erschüttert und lernte zum ersten Mal, dass ich mit den Violetten auch solche Momente durchmachen musste und das „matschern“ zum Gen der Großstädter, speziell der Wiener gehörte. Auch daran musste ich mich erst einmal gewöhnen.

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