Geschichte

Glory glory hallelujah, the violets are marching on: the sixties – Teil 1

Ich war wohl zur rechten Zeit in Wien eingetroffen. Austria Wien war wieder in. Nachdem man in den Jahren 1949, 1950 und 1953 drei Mal Meister geworden war herrschte Funkstille bis Anfang Sechzig. Dazwischen lag ein dritter Platz bei der WM in der Schweiz für das Nationalteam und ein Umbruch bei der Austria. Trainer Wudi Müller nahm nach zehnjähriger Tätigkeit (!) bei den Violetten Abschied und Spieler wie Aurednik (Le Havre), Melchior (Rouen), Kominek (Nimes) und vor allem Ocwirk (Sampdoria) wechselten ins Ausland, schließlich waren österreichische Nationalspieler und vor allem Spieler der Austria in ganz Europa begehrt. Selbst eine in Bau befindliche Tankstelle für Ocwirk, von unserem Sektionsleiter Leopold Stroh für ihn zur Verfügung gestellt, konnte den Ernstl nicht zurückhalten. Zu verlockend waren die Summen, die man im Ausland verdienen konnte. Österreich war noch im Wiederaufbau, die Gehälter noch bescheiden. 1960 betrug der monatliche Durchschnittslohn in Österreich 2.180 Schilling (€ 183), Mitte der Fünfzigerjahre rund 1.700 Schilling. Die Fußballer der Staatsliga und vor allem bei der Austria waren aber nicht arm. Entweder waren sie bei einem Gönner der Violetten angestellt (z.B. Fa. Stroh) oder sie lebten von den Prämien, die allerdings für damalige Verhältnisse „geschmalzen“ waren. Zum bescheidenen Fixum von 350 monatlich kamen dann Prämien. Dolfi Huber (Mittelstürmer bei der Austria) berichtete später, dass man für einen Sieg gegen Rapid 2.000 Schilling bekam. Offiziell waren es „nur“ 1.500 für einen Sieg, 1.000 für ein Unentschieden und 750 für eine Niederlage. Gegen alle anderen Gegner waren es weniger, aber immer noch 700 bis 1.000 für einen Sieg. Offiziell. Für Auslandstouren nach Südamerika bekamen sie zwischen 18.000 und 27.000 Schilling. Den Unterschied machten die Stars aus. Sie bekamen mehr als die anderen, daher kam es auch zu einem Streik. Bei der WM wollte der ÖFB 1.000 Schilling Startgeld und 2.500 Siegesprämie zahlen. Happel und Ocwirk handelten andere Gagen aus: 40.000 für die Spieler der Kampfmannschaft und 20.000 für die Reservespieler – für die ganze WM.

Man kann sich daher vorstellen, welche Summen im Ausland bezahlt wurden. Jedenfalls kam der Traumsturm der Austria mit Aurednik, Stojaspal, Huber, Kominek und Melchior abhanden und der neue Trainer Walter Nausch musste eine neue Mannschaft zusammenstellen. Nausch war nicht nur ein großer Austrianer und Ehrenkapitän, sondern auch erfolgreicher Spieler bei den Violetten sowie im Nationalteam und zudem ein großartiger Mensch mit viel Erfahrung und Empathie. Nausch sollte unter Hitler Gautrainer werden und da seine Frau Jüdin war, hätte er sich scheiden lassen müssen. Er lehnte ab und flüchtete in die Schweiz. Mitte der 50er Jahre war er wieder bei seiner Austria zurück und versuchte ein neues Team aufzubauen. Nausch, so erfährt man es im Buch „Austria“ von Jo Huber, war sehr England-affin, redete seine Spieler stets mit Boys an, war aber per Sie mit ihnen. So sagte er zu unserem herausragenden Stopper Karl Stotz: „Karli, Sie sind für die safety first verantwortlich“ und sein Tormann Pauli Schweda war der Glamourboy. Bei einer Südamerika-Tournee hatte man schon dreimal 1:0 gewonnen, da meinte er zu den Spielern. „Boys, das 1:0 kann uns nicht mehr genügen, wir müssen den Gegner richtig aufputzen“. Das Spiel endete dann mit 4:0 – für den Gegner“ (Jo Huber).

Doch in der Meisterschaft war es alles andere als einfach und so wurde man 56/57 nur Dritter hinter Rapid und Vienna und ein Jahr später gar nur Achter, wobei sogar Kapfenberg vor uns lag. Gut das ich damals in Holland war und nicht in Wien mitleiden musste. Zumindest gab es dann 1960 einen Cupsieg ausgerechnet gegen Rapid, die mit 4:2 besiegt wurde. Da war aber nicht mehr Nausch der Trainer der Austria, sondern Karl Schlechta, der seit 1957 den Nachwuchs bei den Violetten trainiert hatte und um Frühjahr zum neuen Trainer „eingewechselt“ wurde. Nicht untätig war dabei wohl der seit 1959 unter dem unermüdlichen Präsidenten Michl Schwarz neu ernannte Vizepräsident Joschi Walter, der als Peugeot-Autohändler auch über das nötige Kleingeld verfügte. Walter brachte ganz neue und moderne Ideen in den Fußball und führte den Klub vor allem als Geschäftsmann sehr erfolgsorientiert. Unter ihm wurde auch zum ersten Mal in Europa die Trikotwerbung eingeführt, wobei der Mäzen Mautner Markhof eine entscheidende Rolle dabei spielte. Der Slogan „Ein Glas voll Schwung“ zierte dann Mitte der Sechziger in Form eines Bierglases das Trikot der Veilchen, wobei der Spott der grünen Rivalen nicht ausblieb. Aber es brachte Geld. Geld, welches für Neuverpflichtungen dringend benötigt wurde. Eine davon war Horst Paproth. Er kam um 90.000 Schilling von Saar 05 nach Wien um Welthandel und Fußball zu studieren. Und er machte beides gut. Doch Schlechta forcierte auch die eigene Jugend und so kamen Spieler wie Hirnschrodt, Nemec und Fiala in die Kampfmannschaft. Und beide wurden schnell meine Lieblinge. Nemec „die Kuah“ wie man ihn liebevoll bzw. abwertend bei den Gegnern nannte, war zwar meist per Sie mit dem Ball, schoss aber kraftvoll und sicher seine Tore, wenn er unwiderstehlich Richtung Tor zog. Fiala war ein richtiger violetter Kicker. Mit dem Ball konnte er alles, er häkelte die Gegner reihenweise, war aber nicht zimperlich im Zweikampf und wurde daher sehr oft vom Platz gestellt. Gelbe oder Rote Karten gab es noch nicht, nur Ausschlüsse. Doch seine Spielweise, seine präzisen Pässe und seine Genauigkeit vor dem Tor waren eine Augenweide. Aus heutiger Sicht würde ich Fitz als ähnlichen Spieler derzeit bei uns sehen, nur war der Dralle noch robuster und härter.

Das alles aber half nichts, als man zum ersten Mal, dank des Cupsieges, im europäischen Cupsieger-Wettbewerb antrat. Kalt war es am 12. Oktober im Praterstadion als die Austria gegen Wolverhampton Wanderers auflief. Doch der 2:0 Sieg vor 23.000 Zuschauern erwärmte zumindest ein wenig und machte Hoffnung auf einen Aufstieg. Diese verflog aber rasch als man am Radio lauschend den Schilderungen folgte. 5:0 fegten uns die Engländer vom Feld, das war schon sehr ernüchternd. Die Austria war international nicht konkurrenzfähig, dachte man. Dabei war man kurz davor mit der Nationalmannschaft ausgerechnet gegen England mit dem 3:0 Sieg im Prater doch so erfolgreich gewesen. Doch das lag möglicherweise am System. 4-2-4 spielte Decker, mit Nemec Rechtsaußen und Buzek als falsche Neun, wie man heute sagt. Daher wurde auch ein 4-3-3 daraus. Das war aber bei der Austria nicht der Fall. Man blieb beim 3-2-5. Und war damit auch in der Meisterschaft erfolgreich. 1961 -1963 holte man sich die Meisterschaft und gewann 1962 gegen den GAK und 1963 gegen den LASK auch den Cup. 1961 kam Ocwirk wieder von Sampdoria zurück und im Europacup der Meister war man gegen Bukarest mit einem 0:0 auswärts und einem 2:0 zuhause in der zweiten Runde. Und wer war der Gegner? Benfica! Genau jene Mannschaft, die vor einem Jahr die Grünen besiegt hatten.

In der Weihburggasse im 1. Bezirk bildeten sich Ende Oktober Menschentrauben rund um das Café Savoy, wo das Austria-Sekretariat untergebracht war, um die begehrten Karten für das Match gegen Benfica zu bekommen. Und ich war natürlich dabei. Drinnen im Café waren der Sekretär Lopper und eine Buchhalterin emsig bemüht, den Andrang nach Karten für das Match zu befriedigen. Das war damals insofern etwas leichter als 80% der Plätze Stehplätze im Prater-Stadion waren und man die Karten nur von einem durchnummerierten Papier-Block abreißen musste. Innerhalb weniger Tage war das Match mit offiziell 78.833 verkauften Karten ausverkauft. Das bedeutete Besucherrekord für einen Verein in Österreich der – und das konnte man damals nicht wissen – für die Ewigkeit halten wurde. 1,5 Millionen Schilling Einnahmen war dann ebenfalls ein Rekord. Dass dann im Stadion mehr Leute waren, war der Tatsache geschuldet, dass man einerseits mit dem „Türlgeld“ (man drücke dem Mann an der Drehtür etwas Geld in die Hand) hineinkam, andererseits aber auch viele über den Zaun krochen, denn der Andrang beim Stadion war so groß, dass viele Zuschauer das Führungstor der Portugiesen durch Aguas in der 30. Minute gar nicht miterlebten. Ich war allerdings schon Tage davor so aufgeregt, dass ich früh genug dort war und mir noch den Stehplatz im dritten Rang aussuchen konnte. Das Spiel selbst war zum Verzweifeln. Die Austria drückte an, aber Nemec und Co. vergaben Chance um Chance und Tormann Costa Perreiras hielt alles. Er war damals einer der besten Torhüter in Europa. Zudem war Ocwirk, von dem man sich an diesem Tag wieder Großes erhoffte, ebenfalls nicht gut drauf und vergab gute Chancen. Einige neben mir begannen bereits zu schimpfen. Doch das war ungerecht und mir tat es persönlich weh, war er doch mein großes Idol damals. Ich fand es ungerecht. Was wir allerdings nicht wissen konnten und wie man erst viel später erfuhr, dem Ernstl hatte man nach einem Achillessehnenriss eine Plastiksehne eingebaut und er war dadurch stark behindert. Im Stadion wurde man immer unruhiger. Der Ausgleich wollte nicht gelingen, einen Sieg erwartete man sich eh schon nimmer. Dann kam der Auftritt eines fast unbekannten 18-jährigen Nachwuchsspielers. Rudi Stark haute in der 69. Minute aus ca. 30 Metern einfach drauf und die Kugel landete im Kreuzeck! Unglaublich, wir sprangen alle auf und schrien unsere ganze Freude in den kalten Nachthimmel. Ausgleich. Dabei bleib es aber. Benfica sollte dann am Ende der Saison ein unglaubliches Finale gegen Real Madrid spielen und die Königlichen in Amsterdam mit 5:3 besiegen. Wobei ein Spieler glänzte, der uns schon in Wien aufgefallen war: Eusébio! Er schoss zwei Tor im Finale, die zum 4:3 und 5:3 und begeisterte damit alle Fans, die dieses Finale in den diversen Lokalen mit ansehen konnten. Fernsehen zuhause war damals ja noch reiner Luxus. Obwohl Puskas für Real drei Tore schoss, ging doch mit Eusébio in diesem Spiel ein neuer Stern auf.

Der Trainer von Benfica war der berühmte Béla Guttmann. In Ungarn geboren, spielte er von 1922-1926 beim FC Hacoah in Wien und ging nach New York zu den Giants. 1932 kam er wieder nach Wien zurück, wurde Spieler und Trainer bei Hakoah und begann anschließend seine internationale Trainerkarriere bei Enschede in Holland. Nach dem Europacupsieg gegen Real wollte er von Benfica mehr Geld. Sie verweigerten es ihm. Daraufhin sprach er den berühmten Fluch aus: „In den nächsten 100 Jahren wird Benfica nie mehr einen Europacup gewinnen“ und verließ den Verein. Angeblich war er bei der Austria im Gespräch (er war bereits 1956 österreichischer Staatsbürger geworden), doch das Angebot von Penarol Montevideo war verlockender. Penarol war damals lange Zeit der beste Verein in Südamerikas bis er von FC Santos, dem Klub von Pelé, abgelöst wurde. Und der Grund warum er dorthin ging war aber nicht nur der mögliche Erfolg und der Ehrgeiz, Santos den Titel abzujagen. Es war die Gage. Und die war seinerzeit für alle Mitteleuropäer, jedenfalls aber für uns in Österreich unvorstellbar: 6.000 Dollar monatlich. Das waren damals ca. 160.000 Schilling (12.000 Euro). Allerdings zum heutigen Wert ca. 144.000 Euro – monatlich! Dazu kamen noch eine sog. Herrschaftsvilla mit Personal, ein Chauffeur und ein Hotelzimmer in Stadionnähe. Gut, für heutige Toptrainer in England oder Spanien/Italien immer noch eine zu geringe Gage, aber immerhin. Guttmann war dann nicht erfolgreich, verlor das Finale in der Copa Campeones de América gegen den FC Santos mit 3:0 und musste wieder gehen.

Ein Kommentar

  1. Danke für diese schöne Zeitreise. Ich wurde ja auch in den 60er Jahren mit dem violetten Virus infiziert und erinnere mich noch mit Begeisterung an mein erstes Ligaspiel, das die Austria gegen Schwechat im Stadion mit 3:1 (oder doch 3:0?) gewonnen hat. Neben dem bulligen Nemec stach damals vor allem unser Brasilianer Jacare hervor, der damals mit einem grandiosen Fallrückzieher getroffen hat, ab diesem Moment mein absoluter Lieblingsspieler. Besonders interessant fand ich aber die damalige Torhütersituation. Nummer 1 war der Türke Özcan, Nummer 2 Gernot Fraydl, der aber trotzdem im Nationalteam spielte.

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